Sumo: Die Renaissance der sanften Giganten
Lange galt Sumo als angestaubt und krisengebeutelt. Heute sind die Turniere ausverkauft – wer wirklich nah dran will, kennt auch einen anderen Termin.
Kurz zusammengefasst
- Sumo erlebt seit 2024 einen Boom: Alle offiziellen Grossturniere sind ausverkauft, und der Sport hat ein jüngeres, internationales Publikum gewonnen.
- Der Jungyo, die regionale Tournee zwischen den Hauptturnieren, bietet mit Training, Vorführungen und Schaukämpfen einen zugänglichen Einstieg in die Sumo-Welt.
- Der Boom erklärt sich durch eine Netflix-Serie, eine gezielte Social-Media-Strategie des Sumo-Verbandes sowie sportliche Rivalitäten und internationale Aufstiegsgeschichten.
Sumo befand sich viele Jahre in der Krise – doch plötzlich stehen die Menschen wieder Schlange vor den Arenen. Seit 2024 sind die grossen Turniere ausverkauft. Der japanische Nationalsport erlebt eine Renaissance, und er hat dabei ein völlig neues Publikum gewonnen.
Die Wurzeln dieses Sports reichen über 1000 Jahre zurück und sind eng mit dem Shintoismus verbunden. Ursprünglich traten die Ringer auf, um die Götter zu unterhalten und um reiche Ernten zu bitten. Diese Spiritualität ist bis heute spürbar: Der Ring, das sogenannte Dohyo, gilt als heiliger Boden, der vor den Kämpfen symbolisch mit Salz gereinigt wird. Ein Kampf selbst ist oft nach wenigen Sekunden vorbei – und entlädt in diesem Wimpernschlag eine Explosion aus Kraft und Entschlossenheit.
Der Rhythmus der Giganten

Um diese Faszination live zu erleben, muss man den Rhythmus dieser Giganten verstehen. Das Herzstück bilden die sechs offiziellen Grossturniere, die sogenannten Honbasho, die über das Jahr verteilt stattfinden und jeweils 15 Tage andauern. Hier geht es für die grossen Athleten um alles: Jeder Sieg und jede Niederlage entscheidet über Auf- oder Abstieg in der elitären Rangliste.
In den Monaten dazwischen ziehen die Ringer auf den Jungyo, den regionalen Tourneen, quer durch die japanischen Provinzen. Ein solches Turnier habe ich in der Präfektur Saitama besucht. Es hat mich nachhaltig beeindruckt.
Ein Tag in Saitama

Der Event war ausverkauft, die Stimmung locker. Was sofort auffiel: Die Ringer bewegten sich ganz selbstverständlich durch die Halle, zugänglich und freundlich, ohne Absperrung und ohne Entourage. Der Jungyo ist kein Ernstkampf, sondern ein Querschnitt durch den Alltag der Sumo-Welt.
Am Morgen steht das Training auf dem Programm, das die Zuschauer hautnah am Ringrand verfolgen können. Parallel dazu gibt es Autogramm- und Händeschüttelstunden mit den Ringern. Zum festen Programm gehören auch offizielle Vorführungen: Eine Live-Demonstration zeigt, wie der traditionelle Haarknoten gebunden wird, eine weitere die verschiedenen Sumo-Trommelrhythmen. Ein Publikumsliebling ist das Shokkiri, komödiantische Schaukämpfe. Es folgen traditionelle Sumo-Gesänge, Jinku genannt, die von den Athleten selbst im Ring vorgetragen werden. Sumo zeigt sich in diesen Momenten von seiner humorvollen und leichten Seite.

Ein Höhepunkt ist das Tsuna-shime Jitsuen, die Zeremonie, bei der Yokozuna Hoshoryu sein schweres Hanfseil angelegt bekommt, ein Privileg des höchsten Rangs im Sumo.
Dann, am Nachmittag, kippt die Atmosphäre. Das kleine Abschlussturnier bringt auf einmal die Intensität der grossen Honbasho in die Halle. Dieselben Ringer, die Stunden zuvor freundlich Autogramme gegeben haben, stehen sich nun mit gesammelter Konzentration gegenüber, bis der Sieger im Finale gekürt wird.
Der Boom

Dass mittlerweile sowohl die Hauptturniere als auch die regionalen Touren so stark besucht werden, erklärt sich durch einen medial befeuerten Boom. Einen erheblichen Anteil daran hat die Netflix-Serie Sanctuary aus dem Jahr 2023, die einem internationalen Publikum einen Blick hinter die Kulissen der Sumo-Ställe liefert. Begleitet wird dieser Hype von einer gezielten Social-Media-Strategie des japanischen Sumo-Verbandes, der unter anderem einen englischsprachigen YouTube-Kanal aufgebaut hat. Auch der Fernsehsender NHK World bringt den Sport einem internationalen Publikum näher.
Hinzu kommt die sportliche Dramatik im Ring. An der Spitze stehen sich mit Onosato und Hoshoryu zwei junge, frisch gekrönte Yokozuna gegenüber, die für eine intensive Rivalität sorgen. Die neue Sumo-Ära lebt auch von Aufstiegsgeschichten, die den Sport globalisieren. Ein Beispiel ist der junge Ukrainer Danylo Yavhusishyn, der unter dem Kampfnamen Aonishiki antritt. Er flüchtete 2022 vor dem russischen Angriffskrieg nach Japan und fand in einem Sumo-Stall Zuflucht. Sein Aufstieg war rasant: Nach dem Gewinn seines ersten Titels in der höchsten Liga im November 2025 wurde er in den zweithöchsten Rang eines Ozeki befördert.
Tradition und Popkultur

Gleichzeitig hat sich das Publikum vor Ort verändert: Sogenannte «Su-Jo», junge weibliche Sumo-Fans, betreiben heute einen intensiven Fankult um ihre Lieblingsringer. Zudem stammen über 20 Prozent der Zuschauerinnen und Zuschauer aus dem Ausland.
Globale Popkultur, gezieltes Marketing und die Sehnsucht nach greifbaren Traditionen – aus dieser Mischung hat ein alter Sport zu sich selbst zurückgefunden und feiert eine bemerkenswerte Renaissance.
Tickets für die sechs offiziellen Grossturniere (Honbasho) sind über die Website des japanischen Sumo-Verbandes sowie über den Ticketanbieter Pia erhältlich. Tickets für die regionalen Tourneen (Jungyo) werden von den jeweiligen lokalen Veranstaltern angeboten und sind in der Regel deutlich leichter zu bekommen.






Eindrücke von der Sumo Exhibition in Saitama im April 2026. janinjapan.ch