Die Mondkiefer: eine Szenerie für die Ewigkeit

Ein Kiefernast, zum Kreis gebogen, mit Blick auf das alte Tokio. Was Hiroshige zweimal festhielt, verschwand – und kehrte 150 Jahre später zurück.

Die Mondkiefer: eine Szenerie für die Ewigkeit

Kurz zusammengefasst

  • Ukiyoe-Künstler Hiroshige hielt die Mondkiefer – einen künstlich zum Kreis geformten Kiefernast am Tempel Kiyomizu-Kannon-dō im heutigen Ueno-Park – in seiner Serie «100 berühmte Ansichten von Edo» zweimal fest.
  • Die Mondkiefer fiel zu Beginn der Meiji-Zeit einem Sturm zum Opfer.
  • 2012 wurde die Szenerie mit der Mondkiefer rekonstruiert.

Zwischen 1856 und 1858 schuf Utagawa Hiroshige (1797–1858) seine Farbholzschnittserie «100 berühmte Ansichten von Edo». In diesem Spätwerk, seinem künstlerischen Vermächtnis, taucht ein ungewöhnliches Motiv gleich zweimal auf: ein Kiefernast, der künstlich zu einem vollständigen Kreis geformt wurde. Die Frühlingsvariante zeigt den Tempelbereich aus der Vogelperspektive: Stelzenterrasse, Kirschblüten und dahinter die Mondkiefer als Teil einer weiten Szene. Das Herbstbild wechselt in die Nahaufnahme. Der Ast füllt den Vordergrund, dunkel und voluminös. Durch seinen Ring öffnet sich der Blick auf den Teich und die Stadt mit dem Turm einer Feuerwache im Fokus.

Dieser besondere Aussichtspunkt entstand im 17. Jahrhundert während der Edo-Zeit (1603–1868). Der Mönch Tenkai liess im Jahr 1631 die Kiyomizu-Kannon-do-Halle erbauen – nach dem Vorbild des Kiyomizu-dera in Kyoto. Zunächst stand das Gebäude auf dem sogenannten Suribachi-Berg innerhalb des heutigen Ueno-Parks. Erst als man Platz für die Haupthalle des übergeordneten Kanei-ji-Tempels benötigte, wurde das Bauwerk im Jahr 1694 an seine heutige Stelle verlegt. Die historische Kiyomizu-Kannon-do-Halle gehört institutionell bis heute zum Kanei-ji-Tempel, dessen gewaltiges Gelände während der Edo-Zeit weite Teile des heutigen Ueno-Parks umfasste. Von der Stelzenterrasse überblickte man den grossen Shinobazu-Teich, den Tenkai als landschaftliches Abbild des japanischen Biwa-Sees konzipiert hatte.

Der Verlust

Die runde Kiefer – japanisch als «Tsuki no Matsu» (Mondkiefer) bekannt – war kein Naturphänomen. Gärtner formten den Ast über Jahre hinweg in diese kreisförmige Gestalt. Wie lange das Original stand, ist nicht genau belegt. Während des Ueno-Krieges im Jahr 1868, als die Anhänger des alten Shogunats gegen die neuen Meiji-Truppen unterlagen, brannte das Tempelgelände und wurde anschliessend für die Öffentlichkeit gesperrt. Irgendwann in dieser Zeit, in der das Areal unzugänglich war, fiel die Kiefer einem schweren Sturm zum Opfer.

Rund 150 Jahre lang existierte die Mondkiefer nur noch auf Hiroshiges Farbholzschnitten.

Rückkehr im neuen Gewand

2012 beschloss der Tempel die Rekonstruktion. Da das ursprüngliche Grundstück unter städtischer Verwaltung steht, pflanzte man den neuen Baum direkt unterhalb der hölzernen Tempelterrasse. Die Aussicht hat sich dadurch verschoben. Der Shinobazu-Teich ist von der Plattform aus nicht mehr vollständig zu überblicken – die Hänge sind dichter bepflanzt als zu Zeiten von Hiroshige.

Tritt man jedoch nah an die Brüstung und blickt genau durch den Ring der neuen Mondkiefer, fokussiert sich das Auge auf die rote Tempelhalle Bentendo, die noch immer auf einer kleinen Insel im Teich thront und im Originalbild von Hiroshige am rechten Rand zu sehen ist. So verschmelzen hier japanische Kunstgeschichte und meisterhafter Gartenbau zu einem besonderen Erlebnis mitten im modernen Tokio.

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